Offener Brief
an alle Philosophinnen und Philosophen…

unabhängig davon,

ob sie angestellt oder selbständig,
haupt- oder nebenberuflich,
kontinuierlich oder vorübergehend,
theoretisch oder praktisch,
organisatorisch, administrativ, konzeptionell, kreativ oder schriftstellerisch,
mit oder ohne Studium,
als Geisteswissenschaftler, Lehrer, Redakteure, Kulturschaffende, Historiker, Manager
oder in einer anderen als den hier genannten Formen in der Philosophie tätig sind,

sie mittlerweile zum Programmierer umgeschult wurden,
einen anderen Beruf ausüben
oder auch arbeitslos sind.


Rom, im Oktober 2000



Sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen,


herzlich willkommen auf der Innenseite der Philosophie! Sie alle und ich eingeschlossen bilden gemeinsam die Gruppe der Gegenwartsphilosoph/Innen.

Es ist eine eigenartige Gruppe. Philosoph kann man sein oder werden. Man bleibt es selbst dann, wenn die Philosophie nicht zum Beruf wurde. Als Berufsstand sind wir nicht organisiert. Als Denker und Denkerinnen pflegen wir selten den Austausch. Schon traditionell stand vielen die Abgrenzung näher als das Verbindende. Seit Beginn der Moderne haben gerade die hervorragendsten Geister immer wieder betont, daß sie nicht zur Philosophie gehörten. Und traditionell pflegt auch stets die nachfolgende Generation das Andenken an ihre Vorgänger. Wir sind nicht nur eine eigenartige Gruppe, wir sind oftmals zugleich eigenartig konservativ wie revoltierend.

Eigenartig ambivalent ist zudem unser Image. Einerseits attestiert man uns positiv ein Tiefe und Komplexität der Gedanken, andererseits sagt man uns negativ nach, wir seien weltfremd und kompliziert. Man fordert vor allem von uns einen Blick auf das Ganze und schimpft uns zugleich labernd, wenn wir nicht schnell konkret werden. Man erwartet von uns Antworten auf Sinnfragen, erklärt uns allerdings für Idealisten und manchmal gar für Ideologen, wenn wir nicht den Normen der Pragmatik folgen. Man will von uns die rechte Moral und wendet sich doch mit Grauen wieder ab, wenn wir sie auf alle verteilen. Man bejaht die Philosophie als eine Sache, mit der sich zu beschäftigen so manchem nicht schaden würde; die Philosophie ist meist etwas für andere. Für sich selbst aber hat man heute seine eigene Philosophie. Was nicht auf das Eigene beschränkt bleibt, heißt neuerdings Marketing- oder Unternehmensphilosophie.

Wer wie ich seit zwanzig Jahren in der Philosophie unterwegs ist, weiß von diesen Facetten und hat gelernt, mit ihnen zu leben. Sie sind nicht immer angenehm, manchmal schwillt einem der Kamm, manchmal ist es bloß noch lächerlich, meist ist es einfach so. Man hat Wichtigeres zu tun. Ginge es lediglich darum, das öffentliche Bild der Philosophie und ihrer Vertreter richtigzustellen, könnte man sich die Mühe weitgehend ersparen. Es lohnt nicht.
Es ist aber nicht nur das öffentliche Bild, das im Argen liegt. Die philosophische Öffentlichkeit selbst ist es. War der Beruf des Philosophen schon immer eher ein Hungerleiderjob, so ist er nun endgültig in Gefahr. Wo das öffentliche Interesse schwindet, bleibt der Philosoph nicht nur mit seinen Inhalten allein; er ist auch seiner Existenzgrundlage beraubt.

Der Verlust der philosophischen Öffentlichkeit ist eine Tatsache, über die wir nicht hinwegsehen können. Ihretwegen waren viele von uns gezwungen, einen anderen als den vorgesehenen Weg zu beschreiten. Was will das Wort Verlust jedoch besagen? Daß die philosophische Öffentlichkeit darniederliege, weil das philosophische Interesse inzwischen nachgelassen habe? Lächerlich! Die Philosophie hatte noch nie ein Massenpublikum erreicht, außer sie war gerade in Mode. War sie in Mode, wurden sogar schwer zu lesende Autoren gekauft, – aber eben nur gekauft, selten gelesen. Nein, die Leute, die sich für Philosophie interessieren, waren stets herzlich wenige, und es gibt keinen stichhaltigen Grund für die Annahme, daß es mittlerweile weniger geworden sein müßten.
Sprechen wir von einem Verlust der philosophischen Öffentlichkeit, so sprechen wir also nicht von einem Rückgang des Interesses an Philosophie seitens ihrer «Konsumenten», wir sprechen von einem Rückgang des Interesses seitens ihrer «Distributoren».


Der Verlust der philosophischen Öffentlichkeit läßt sich auf einen einfachen Nenner bringen: Weil es nur wenige sind, die sich für Philosophie interessieren, haben im Zuge heute veränderter ökonomischer Ausrichtungen die «Produzenten» von Philosophie auch geringere Chancen.

Man kann es sehr deutlich am Wandel im Verlagswesen beobachten. Während seriöse Verleger traditionell darauf achteten, einen Teil fürs Geschäft und einen Teil für die Kultur zu publizieren, ist das Gros der heute Management geführten Verlage dazu übergegangen, jedes Buch einzeln zu kalkulieren. Jeder Titel muß sich selbst rechnen und zum Gewinngeschäft werden. Bücher, die diese Erwartung nicht oder erst über eine Laufzeit von vielen Jahren zu erfüllen versprechen, wozu philosophische Publikationen im Allgemeinen zählen, werden aus diesem Grunde kaum mehr verlegt. Viele Publikumsverlage haben deshalb ihr philosophisches Programm beizeiten eingestellt und selbst Verlage, die ehemals auf Philosophie spezialisiert waren, lassen nach vollzogener Umgestaltung ihres Marktprofils die verbliebenen Philosophie-Titel nur noch nebenbei mitlaufen.

Für die Autoren bedeutet dies, daß sie jetzt bestenfalls in Fachverlagen unterkommen, wo sie die Drucklegung entweder selbst bezahlen müssen oder der hohe Ladenpreis jede Aussicht auf eine einigermaßen breite Leserschaft verhindert.

Vor diesem Hintergrund ist auch die, für viele wie eine Hoffnung erscheinende, neue Errungenschaft der on demand-Verlage ambivalent zu bewerten. Ihre Vorteile sind offensichtlich und werden dem entsprechend herausgestellt: Schon kleinste Auflagen sind machbar; selbst Bücher, die nur 50 Leser fänden, können verlegt werden; nichts wird mehr verramscht und eingestampft, weil jeder Titel erst nach Bestelleingang gedruckt wird; und im Buchhandel können Sie ihn ordern.
Was aber sind die Nachteile? Sie liegen nicht minder deutlich auf der Hand, werden allerdings kaum offen ausgesprochen: Nichts wird mehr dafür getan, dass ein Buch auch seinen Leser findet. Keine Werbung, keine Rezension, keine Präsenz auf der Buchmesse, kein TV-Beitrag. Der Autor soll, allenfalls noch unterstützt durch das neue «Volks»-Medium Internet, jetzt selbst zu Wege bringen, was zuvor eine aufwendige Verlagsmaschinerie bewerkstelligte. Für Philosophen ist da nicht mehr viel zu holen.

Das Internet selbst bietet fraglos eine Vielzahl bislang unbekannter Möglichkeiten. In einer Hinsicht sollten wir uns allerdings nichts vormachen: Wer drin ist, ist noch lange nicht dabei. Wie schon im Falle der klassischen Medien, so gilt auch für die neuen, dass der öffentliche Auftritt allein noch keine Öffentlichkeit schafft. Eine Homepage, die nicht gesucht, und wenn gesucht, nicht gleich gefunden wird, bleibt eine Site, die die mit ihrer Einrichtung verbundenen Intentionen verfehlte.

Sie werden es selbst schon erfahren haben: Wohl jeder von Ihnen wird sich schon mindestens einmal auf die Surftour «Philosophie» begeben haben. Und was bekam er? Nach dem ersten summarischen Hinweis, es lägen Tausende von Eintragungen vor, fand er maximal ein bis zwei Dutzend für ihn interessante Adressen, weitere 50 erschienen ihm vielleicht brauchbar, wenngleich für seine Zwecke irrelevant, und die restlichen 99 Prozent waren Irrläufer, die mit der gesuchten Sache nichts zu tun hatten, allerlei individuelle Weltanschauungen und immer häufiger auch Firmen, die unter diesem Namen die Identität ihrer Produkte und Marken verkündeten.


Was Sie gewiß nicht fanden, war eine Website, in der die Namen und Leistungen derjenigen nachzulesen waren, die heute die Produzenten und Macher der Philosophie sind. Was Sie nicht fanden, war eine Homepage, in der Sie vorgekommen wären. Wie im Buchmarkt und den klassischen Medien bleibt auch im Internet die Liste der Namen im wesentlichen auf die bereits bekannten beschränkt.

Die Veränderungen im Verlagswesen, das Für und Wider des on demand-publishings oder die tatsächliche Präsenz von Philosophie im Internet sind lediglich drei von vielen möglichen Beispielen. Ich könnte auch davon berichten, wie sich im Laufe der Jahre die Ausrichtung in den Redaktionen der Tages-, Wochen- und Fachpresse wandelte, wie die Sozialwissenschaft in die Marktforschung eingebunden wurde, auf welche Weise sich das Marketing (das nicht umsonst das Wort «Philosophie» für sich entdeckt hat) veränderte und zwischen wie viele Stühle man sich setzen kann, wenn man die Philosophie aus ihren angestammten Feldern herauszuführen versucht. Ich könnte von all dem berichten, weil ich während besagter zwanzig Jahre, in denen ich als Philosoph tätig bin, an der Universität arbeitete, zu den Pionieren Philosophischer Praxis in Deutschland zählte, in der Presse publizierte, einen in Auszügen als Theaterstück aufgeführten Philosophieroman verfaßte, fast fünfzehn Jahre lang theoretisch und praktisch an der Schnittstelle von Philosophie und Marketing tätig war, eine GmbH für Markenphilosophien gegründet und geführt hatte und ich ebenso häufig, wie ich bei Publikumsverlagen verlegt wurde, im letzten Augenblick auch wieder Absagen erhielt, weswegen manches Manuskript auch unveröffentlicht blieb.
Ich kenne gleichermaßen die traditionellen wie modernen Felder philosophischen Schaffens und weiß darum, wie es um den Beruf des Philosophen steht.


Ich weiß, wie verzweifelt die Unbekannten danach streben, ein wenig Aufmerksamkeit zu bekommen, und wie verzweifelt die Bekannten sich oft bemühen, die ihnen entgegengebrachte Aufmerksamkeit in Interesse zu verwandeln.

Es ging nicht spurlos an mir vorüber. Während ich lange Zeit auf zwei Wegen zugleich marschierte, hier Philosoph und dort einer, der die Philosophie an wirtschaftliche Interessen heranzutragen versuchte, entstand in mir nach und nach der Wunsch, beide Seiten zu vereinen. Ich wollte im selben Maße, wie ich mein philosophisches «Knowhow» im Marketing anwandte, mein Marketing-Knowhow nun in den Dienst der Philosophie stellen. Das Verlangen, nicht mehr nur alleine zu agieren und etwas mit anderen und für andere zu unternehmen, hat dabei eine Rolle gespielt. Letztendlich entscheidend aber war die Erkenntnis, dass sich die aktuellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen selbst dann auf die Inhalte der Philosophie und den Beruf des Philosophen auswirken, wenn man sich nicht für gesellschaftliche und wirtschaftliche Fragen interessiert.


Der ökonomisch bedingte Verlust der philosophischen Öffentlichkeit ist fraglos kritikabel. Von der Kritik allein haben wir allerdings nichts. Wir müssen, um in Zukunft noch eine Chance als Berufsphilosophen zu haben, die philosophische Öffentlichkeit selbst befördern und uns hierzu einschlägiger Methoden und Instrumente des Marketings bedienen. Wir müssen, bevor «Philosophie» nur noch Konzept und Leitlinie für alles und jedes bedeutet, uns selbst als diejenigen kommunizieren, die die Philosophen der Gegenwart sind.

Wir müssen es tun, weil wir es sind. Und wir müssen es tun, weil andernfalls Manager und Werber Philosophien machen, während wir Philosophen die Taxis fahren, mit denen jene zum nächsten Termin eilen.

Aus diesem Grund habe ich philosophers today ins Leben gerufen. Gelingt es, das Publikum neuerlich anzusprechen, wieder die Aufmerksamkeit zu erwecken, zur meistbesuchten Homepage der Philosophie und damit zur Schaltstelle für die relevanten Angebote im Netz zu werden, das Interesse der Medien zu befördern, auflagenschwachen Publikationen zu einer Bühne zu verhelfen, die Berufe der Philosophie zu unterstützen oder gar neue zu kreieren, hat sich die Mühe gelohnt. Ich werde tun, was ich kann; sagen Sie mir, was Sie tun.

Mit herzlichen Güßen
Ihr

Joachim Koch